Thema der Woche

Iatrogene Krankheitsbilder – wenn die Arzneimitteltherapie krank macht

Dass nahezu alle Symptome auch durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen verursacht sein können, weiß man ja schon irgendwie. Aber das auch immer im Hinterkopf zu haben und im Zweifelsfall auch daran zu denken, ist nicht immer einfach. Wenn ältere Patienten unter Müdigkeit, Schwindel, Verwirrtheit oder Demenzsymptomen leiden oder eine Niereninsuffizienz entwickeln, gehört der Blick auf den Medikationsplan zum Standard. Dass eine Diarrhö antibiotikainduziert ist, merkt man ebenfalls meistens. Auch bei Hämatemesis und Meläna unter Antikoagulation kommt man schnell darauf, woran es liegt.

Schwieriger wird es schon bei arzneimittelinduzierten Kopfschmerzen. Hier ist die Versuchung groß, erst einmal ein anderes Schmerzmedikament zu verordnen. Gerade bei älteren Patienten kann es schwierig sein, arzneimittelinduzierte Bewegungsstörungen als solche zu erkennen. Diese können den Eindruck eines beginnenden Parkinson-Syndroms machen. Aber auch Dystonien, Tremor oder choreatische Bewegungsstörungen können auftreten. Neben Antipsychotika, Antiemetika können z.B. auch Antiepileptika, Antihistaminika oder Kalziumkanalblocker die Ursache sein.

Bei unklaren Hautsymptomen ist es auch nicht immer selbstverständlich, einen Zusammenhang mit Medikamenteneinnahme herzustellen. Besonders schwierig wird es, wenn in der Hausarztpraxis über eine Selbstmedikation mit OTC-Medikamenten gar nichts bekannt ist. Unser Artikel arzneimittelindizierte Hautreaktionen liefert hier umfassende Informationen. Außer den „üblichen Verdächtigen“ wie Penicilline, NSAR und Diuretika werden weitere mögliche Auslöser verschiedener Hautreaktionen übersichtlich dargestellt. Vertiefende Informationen zu besonderen oder schweren medikamenteninduzierten Krankheitsbildern der Haut sind in unseren Artikeln Erythema multiforme, toxische epidermale Nekrolyse, Lichtdermatosen und arzneimittelinduzierte allergische Reaktionen zu finden.

Über viele unerwünschte Arzneimittelwirkungen gibt es immer noch zu wenig Wissen, wie die aktuelle Diskussion über das erhöhte Auftreten nicht-melanotischer Hauttumoren unter langjähriger Einnahme von Hydrochlorothiazid zeigt: Zum eventuellen Hautkrebsrisiko unter den stattdessen empfohlenen Medikamenten, wie z. B. Chlorthalidon, gibt es noch gar keine aussagekräftigen Daten. Gerade deshalb ist es wichtig, unerwünschte Arzneimittelreaktionen an die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft zu melden. Nur so kann es überhaupt möglich werden, die Häufigkeit schwerwiegender Reaktionen einzuschätzen.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

 

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