Thema der Woche

Können Teilzeitärztinnen „richtige“ Hausärzte sein?

Auf verschiedenen Kanälen verfolge ich Diskussionen über zwei Fragen: Was ist ein „richtiger“ Hausarzt? Und: Können in Teilzeit arbeitende Frauen (und die wenigen Männer, die das tun) überhaupt solche „richtigen“ Hausärzte sein? Es gibt Vertreter einer traditionellen Sichtweise, die besagt, nur ein männlicher, in Vollzeit arbeitender Hausarzt, der seine Patienten seit vielen Jahren betreut und rund um die Uhr zur Verfügung steht, ist „richtig“. Dieses Modell ist natürlich nur möglich, wenn eine nicht berufstätige oder kostenlos in der Praxis mithelfende Ehefrau sich um alle anderen Belange des Lebens kümmert (Kindererziehung, Haushalt und was sonst so anfällt). Vertreter dieses traditionellen Hausarztbildes fürchten, durch die Zunahme weiblicher Ärztinnen, die für ihre Familie da sein möchten und deswegen in Teilzeit arbeiten, werde in Zukunft die Qualität der hausärztlichen Versorgung leiden. Eine kontinuierliche Patientenversorgung und persönliche Bindung gerade an Patienten mit chronischen Erkrankungen, wie COPD, KHK oder Diabetes, sei so nicht mehr möglich.

Ist das wahr? Können Teilzeitärztärztinnen nur „Laufkundschaft“ mit Harnwegsinfekten oder Erkältungen suffizient behandeln? Fehlen hier die Kontinuität und die persönliche Bindung an Patienten? Oder ist es von Vorteil, wenn Ärztinnen selbst Kinder haben und schon aus Zeitgründen bei ihrer Verfügbarkeit Grenzen setzen müssen? Dass gerade bei medizinischen Berufen eine gesunde Work-Life-Balance vor Burnout schützen kann, ist nichts Neues. Die Verantwortung für die Familie, Aktivsein in mehreren Lebensbereichen und der Blick über den Praxis-Tellerrand hinaus können auch die Alltags- und die soziale Kompetenz stärken.

In Teilzeit tätige Ärztinnen, die wie alle anderen Hausärzte auch nur 8 Minuten Zeit pro Patient  haben, müssen mit der Zeit und den Umständen arbeiten, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie müssen schnell und empathisch Zugang zum Patienten finden, auch wenn er Hilfe bei psychischen Problemen sucht, einen dementen Angehörigen zu betreuen hat oder über eine Schlafstörung, Beziehungs- oder sexuelle Probleme sprechen möchte. Wer sagt, dass das nicht möglich ist? Feste Terminvereinbarungen gestatten auch hier eine kontinuierliche Betreuung. Die Zukunft der Hausarztmedizin ist weiblich und nicht mehr aufzuhalten. Es wird Zeit, mit verstaubten Vorurteilen aufzuräumen und dieser Zukunft die Chancen zu geben, die sie braucht!

Marlies Karsch, Chefredakteurin

 

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